Qual und der Name

Da Qual seit geraumer Zeit das Kochen für sich entdeckt hatte, besuchten wir regelmäßig diverse Buchhandlungen mit einer entsprechenden Auswahl an Literatur. Zwar haben wir nie ein Kochbuch gekauft, aber immerhin holte sich Qual bei jedem Ausflug frische Ideen für neue gustatorische Highlights zum Nachmachen in unserer stilechten IKEA-Küche. Dank seines fotografischen Gedächtnisses konnte er alsbald mehrere hundert Gerichte in seiner imaginären Speisekarte anbieten, wovon letztlich die meisten jedoch nach einmaliger Zubereitung nie wieder den Weg in Topf, Pfanne oder Backofen fanden. Nicht, weil es Qual nicht verstand sie schmackhaft zu servieren, sondern weil uns Lasagne und Spaghetti nach wie vor einfach am besten schmeckten. Ach ja, der Mensch, das alte Gewohnheitstier.

Als schließlich „Besser kochen mit Jamie Oliver“ für schlappe 26€ in den Handel kam (nicht mal dieser geile Schinken kostet so viel), zog es uns erneut in einen Bücherladen. Während Qual mit einem ergatterten Exemplar durch die Gegend schwirrte und dabei nach und nach sämtliche 150 Rezepte laut vor sich hin brabbelte um sie sich besser einprägen zu können, stieß ich auf ein Regal mit dem Titel „Mein kleines Namensbuch“. Nach der fesselnden Lektüre wusste ich endlich alles über die Herkunft, Bedeutung und Häufigkeit meines Namens. Auch berühmte Personen wurden in jedem Band vorgestellt. Entweder als nette Zusatzinformation oder um zu zeigen, dass man tatsächlich mit jedem Namen Erfolg haben kann. Schließlich gibt es auch bekannte Justins und Kevins, wobei diese dann in der Regel eher Fußballer oder Teenie-Idol werden, statt einen funktionierenden Lösungsansatz für Weltwirtschaftskrisen, Überbevölkerung und schlechte Sequels (und neuerdings auch Prequels) zu liefern.

„Wenn ich mal Kinder haben sollte, bestehen deren Namen aus zwei Silben und sind möglichst selten!“ sagte ich zu Qual, der inzwischen nach mir gesucht hatte. „Warum gerade zwei?“ Ich zeigte auf das Regal und antwortete: „Analysiere einmal alle denkbaren Vornamen und du kommst auf das gleiche Ergebnis. Es ist doch so: Wir leben in einer schnelllebigen Epoche, alles wird immer hektischer. Da hat kein Mensch mehr die Zeit für lange Namen. Ehe man jemanden namens Johannes, Matthias oder Elisabeth vollständig begrüßt hat, kann man ihn auch gleich wieder verabschieden. Jedenfalls wenn man nicht abkürzen würde. Zukünftige Bewerbungsgespräche laufen dann nämlich so ab: „Hi (kürzer als Hallo), ich bin Jo(hannes) und brauch ‘nen Job! Und einen Kaffee to go, zum hier Trinken fehlt mir ja die Zeit!“ Selbes Argument gilt für Doppel-Namen, die fallen gänzlich weg. Es würde ja ebenso wenig jemand auf die Idee kommen auf der Toilette zwei Mal zu spülen. Es sei denn, man hat richtig großen Mist produziert. Okay, in dem Fall ließe sich das sogar auf Doppel-Namen und deren Träger projizieren. Sobald feststeht, dass aus dem Kind nichts werden kann, darf man es mit 20 und mehr Buchstaben noch zusätzlich belasten. Naja, lassen wir das, zurück zum Normalfall. Was viele nicht verstehen: Wenn Eltern behaupten, dass sich Hanna Barbara und Olaf Günther ja später für einen ihrer zwei Namen entscheiden können, ist das eben kein nettes Angebot, im Gegenteil. Entscheiden? Die heutige Generation ist ohnehin schon völlig überfordert angesichts der Vielzahl an Möglichkeiten in jedem Lebensbereich:

Welche Marmeladensorte schmiere ich mir auf mein Brot? Habe ich überhaupt Hunger auf Marmelade? Geschweige denn Brot? Was sagt das Brot über meinen Charakter aus? Sollte ich einfach ohne Frühstück zur Arbeit fahren? Moment mal, fahren? Oder doch mit der Bahn? Welche Arbeit überhaupt, ich geh doch noch zur Schule? Will ich mal arbeiten? Muss ich mal arbeiten? Ist das dann genau so wie damals, als ich mir zum ersten Mal selbst das Marmeladenbrot schmieren musste? Ich habe schon dabei versagt, bin ich überhaupt arbeitsfähig? Was kann ich eigentlich? Soll ich lieber viel Geld verdienen und mich langweilen oder meinem Traumberuf nachgehen und dafür hin und wieder auf Marmelade verzichten? Sollte ich sicherheitshalber Knäckebrot und Zwieback antesten? Ach, genug überlegt, ich esse jetzt Cornflakes. Die mit dem Tiger, ganz bestimmt…oder?

Wie soll man sich da noch für einen Namen entscheiden?!”

FacebookTwitterGoogle+Email

Dampf ablassen!